Inwieweit können neue Kulturangebote im ländlichen Raum die Landflucht verringern? Dieser Fragestellung widmet sich das Modellvorhaben „Kulturstern Nordfriesland“, das im Rahmen von „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“  im Auftrag des nordfriesischen Kreistags entwickelt worden ist.

Kulturstern Nordfriesland

In diesem Projekt  wird die gängige Praxis im Bereich Kultur umgekehrt, indem der Fokus nicht wie sonst üblich auf die Stadt, sondern das Land gerichtet wird. Die Idee ist, dass ein nordfriesisches Dorf jeweils für ein Jahr zum kulturellen Zentrum, zum „Kulturstern Nordfriesland“, gekürt wird und auf diese Weise eine große Aufmerksamkeit und Förderung erfährt.

Kulturstern kann ein Dorf – oder mehrere benachbarte Dörfer – mit insgesamt bis zu 4.000 Einwohnern werden, das ein Jahr lang ein besonderes Kulturprogramm auf die Beine stellen möchte. Programmatische Schwerpunkte sind neue und ungewöhnliche Angebote, die im Dialog zwischen den Einwohner/innen und den beteiligten Institutionen entwickelt werden. Beim Kulturstern geht es darum, sich Herausforderungen zu stellen, eigene Interessen und Talente zu entdecken und gemeinsam mit anderen etwas Neues zu wagen. Damit dieses auch gelingt, gibt es Unterstützung – sowohl personell als auch finanziell. Gesucht werden Dörfer, die offen sind für all das Unbekannte, das in diesem Jahr geschehen wird und die aus diesen Erfahrungen lernen möchten.

Es wird drei Kultursterne geben. Ab Mitte 2020, 2021, und 2022 (es beginnt jeweils nach den Sommerferien

 

Intention

Der „Kulturstern Nordfriesland“ hat das Ziel, den Zusammenhalt im ländlichen Raum zu stärken und die Verbundenheit mit der Region zu erhöhen, um so der Landflucht entgegenzuwirken. Die beteiligten Kultureinrichtungen nehmen einen Perspektivwechsel vor und entwickeln gemeinsam mit der Dorfbevölkerung neue Angebote. Das Dorf öffnet sich für die Ideen und Ansätze der Kultureinrichtungen. So gelangen beide Gruppen, die oft wenig voneinander wissen, miteinander in Kontakt. Auch innerhalb der Dorfgesellschaft entstehen neue Begegnungen.

Weitere Ziele und Maßnahmen:

  • Lokale Gemeinschaften durch neue Kulturangebote und partizipative Kunst- und Kulturprojekte stärken
  • Örtliche Talente und Ressourcen zugänglich machen
  • Regionale Identität durch entsprechende  Bildungsangebote stärken
  • Wirkungsgrad der beteiligten Kultureinrichtungen erhöhen
  • Überörtliche Kultureinrichtungen und lokale Ebene zusammenführen

 

TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel

Das Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, unterstützt von 2016 bis 2023 kulturelle Transformationsvorhaben in ländlich geprägten Regionen. Ziel ist es, mit den regionalen Akteuren längerfristige Veränderungsprozesse der kulturellen Infrastruktur zu gestalten. Zurzeit entwickeln weitere 18 Regionen in einer einjährigen Entwicklungsphase ein Transformationsvorhaben für ihre Kulturorte. Aus diesen wählt dann eine Fachjury bis zu fünf Regionen aus, die eine Förderung für die Umsetzung ihres Transformationsvorhabens in den Jahren 2020 bis 2023 erhalten.

Aus Schleswig-Holstein beteiligen sich zwei Regionen an TRAFO 2, der zweiten Förderphase des Programms. Es sind die Kreise Nordfriesland und Rendsburg-Eckernförde. Nordfriesland hat das Transformationsvorhaben Kulturstern Nordfriesland  entwickelt und versucht damit eine der fünf Regionen zu werden, die eine Förderung in Höhe von 1,25 Millionen Euro durch die Bundeskulturstiftung erhalten. Die kreiseigene Stiftung Nordfriesland, zuständig für Kultur und Erwachsenenbildung in Nordfriesland, leistet zusätzlich einen Eigenanteil in Höhe von 312 500,- Euro, so dass im Falle der Genehmigung insgesamt 1.562.500,-  Euro zur Verfügung stehen.

 

 

 

„Der Begriff „Landflucht“ ist in unserem Projekt nicht zu wörtlich zu nehmen. Im weiteren Sinne geht es um „Provinzflucht“. Wir möchten, dass die Leute sich in Nordfriesland wohlfühlen – und gerne bleiben. Deshalb sind die Dörfer eine Art Mikrokosmos, an dem wir Dinge ausprobieren wollen. Die Ergebnisse können auf größere Ortschaften und Kleinstädte übertragen werden.“

Johanna Jürgensen

Direktorin, Stiftung Nordfriesland

Förderkriterien „Kultursterne“ 

Identität

Identität lässt sich nicht messen und bewerten; erfahrungsgemäß aber bleiben Menschen gerne dort oder kehren dorthin zurück, wo sie sich zugehörig und verstanden fühlen. Grundlegend für die Entscheidung, an einem bestimmten Ort leben zu wollen – und nicht nur dort zu schlafen und zu wohnen -, ist oft die vorhandene Infrastruktur wie Schulen, Nahverkehr, Einkaufsmöglichkeiten oder Arztpraxen; bei der Entscheidung, an einem Ort zu bleiben, spielt aber auch und gerade die Vernetzung mit anderen Menschen eine große Rolle. Durch Änderungen in der Bevölkerungsstruktur ist eine soziale Anbindung auch in Dörfern nicht mehr selbstverständlich. Der Austausch über Kultur, ein kreatives Miteinander oder auch einfach nur die Begegnung bei Veranstaltungen stärken solche zwischenmenschlichen Verknüpfungen, aber auch nur, wenn das Angebot dorthin „passt“. Ein erkennbarer Zuschnitt auf die besondere Situation vor Ort ist daher ein wichtiger Punkt zur Auswahl der „Kultursterne“.

Integration

Die vielerorts gewachsene, für ländliche Regionen typische Vereinsstruktur ist zwar wichtig für ein lokales Identitätsgefühl, spricht in der Regel aber nur einen Teil der Bevölkerung an; andere neigen zu akademisch geprägter Hochkultur; wieder andere identifizieren sich mit übergreifenden Gemeinschaften wie den Minderheiten, haben aber wenig Kontakte außerhalb dieser Gruppen; Zugezogene aus anderen Teilen Deutschlands wie aus dem Ausland bleiben oft unter sich. Inwieweit solche unterschiedlichen Teile der lokalen Bevölkerung die Bewerbung mittragen und in den Diskussionsprozess, der einer Bewerbung vorausgeht, eingebunden waren oder in die Entwicklung des Jahresprogrammes eingebunden werden sollen, wird daher das zweite wesentliche Auswahlkriterium sein.

Partizipation

Professionelle Kulturschaffende haben oft einen städtischen, bildungsbürgerlich geprägten Hintergrund. In ihrer Arbeit trägt sie zumeist die Überzeugung, etwas für die Gesellschaft Wesentliches zu tun. Gleichwohl zeigt die Erfahrung, dass bestimmte Bevölkerungskreise hierfür empfänglicher sind als andere. Gerade im ländlichen Raum wirkt professionell konzipierte Kultur oft wie ein UFO, das einfliegt, womöglich neugierig wahrgenommen wird und wieder abhebt, ohne aber bleibende Wirkung zu hinterlassen. Ein wichtiger Projektbaustein ist daher die Mitwirkung der ländlichen Bevölkerung bereits während der Konzeption: Die Einwohner der Gemeinden sollen Kultur nicht in vorgefertigten Schablonen angeboten bekommen, sondern im Dialog mit den hauptamtlichen Institutionen selbst entwickeln: „Was möchtet Ihr?, “Was braucht Ihr?“, „Was können wir dazu beitragen?“, „Was möchten wir einbringen?“ – diese vier Fragen müssen in beide Richtungen gestellt und gemeinsam austariert werden.

Ein solcher Diskussionsprozess wird die Akzeptanz des  entstehenden Angebots erhöhen, wird jedoch vor allem beiden Seiten Einblick in unterschiedliche Denkweisen, Vorstellungen und Situationen gewähren. Davon profitiert einerseits die Bevölkerung vor Ort durch Entdeckung und Erschließung neuer Möglichkeiten für Lebenskultur auf dem Land. Andererseits erhalten die Kulturschaffenden Hinweise und Anregungen, um ihr Angebot bereits während der vier „Kulturstern“-Jahre immer wieder nachzujustieren, und werden mit der neuen Erfahrung auch langfristig gezielter wirken können.

Mobilität

Der öffentliche Nahverkehr in Nordfriesland endet abseits der Verbindungen in und zwischen den Städten bereits am frühen Abend. Vor allem für Jugendliche ohne eigenes Fahrzeug und für ältere Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen ist es daher kaum möglich, kulturelle Angebote außerhalb der engeren Umgebung wahrzunehmen; denn selbst wenn man noch hinkäme, man käme nicht mehr zurück.

Mobilität im ländlichen Raum ist aber kein speziell nordfriesisches Problem: wegen der bundesweit zu beobachtenden Strukturveränderungen – Aufgabe von Lebensmittelläden, Bankfilialen und Arztpraxen u.ä. in kleinen Orten, während das Durchschnittsalter der Einwohner deutlich steigt und viele jüngere Menschen wegziehen – wird dieses Themenfeld auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene zunehmend an Gewicht gewinnen.

Im Kreis Nordfriesland werden bereits Konzepte wie „Rufbusse“ oder Mitfahrbänke getestet,  ein zuverlässig bis in die späten Abendstunden nutzbares Transportangebot soll sich entwickeln, ist aber derzeit noch nicht vorhanden. Ein Aspekt der „Kulturstern“-Idee ist es daher, Kulturschaffende und Veranstaltungen der Kulturinstitutionen aufs Land zu bringen – einerseits, damit die Einwohner der ausgewählten Gemeinde für ein Jahr kulturelle Angebote vor der Haustür erhalten und ohne die Hürde der Anfahrt Neues kennenlernen können; andererseits aber auch, um vor Ort Denkprozesse anzustoßen: Ideen, wie man zum Beispiel aus umliegenden Gemeinden zum jeweiligen „Kulturstern“ gelangen könnte, sollen aufgegriffen, weiterentwickelt und finanziell gefördert werden, so dass sie über die Förderperiode hinaus nachwirken. Und nicht zuletzt soll der „Kulturstern“ so viel Strahlkraft bekommen, dass auch Menschen aus den größeren Orten und Städten mobilisiert werden, aufs Dorf zu kommen und so ihren Horizont, ihre „innere Mobilität“ zu erweitern.

 

Nachhaltigkeit

Bei befristeten Projekten besteht die Gefahr, dass mit den vorhandenen Mitteln für kurze Zeit ein beeindruckendes Feuerwerk gezündet wird, hinterher aber kein bleibender Effekt zu erkennen ist, weder im Ort noch bei den von außen kommenden Akteuren. Die Frage der Nachhaltigkeit spielt daher eine entscheidende Rolle bei der Auswahl der „Kultursterne“ und bei der anschließenden Konzeption des jeweiligen Programmes. Nachhaltigkeit wird auf drei Wegen angestrebt:

  1. Investitionen: Im Zusammenhang mit dem Kulturstern-Jahr sollte z.B. die Herrichtung von Veranstaltungsräumen gefördert werden, allerdings nur dann, wenn eine kulturelle Weiternutzung auch nach Ende des Förderjahres vorgesehen ist; mobile Ausstattung wie Bühnentechnik soll entweder beim Kreis verbleiben und so allen Gemeinden und Akteuren in Nordfriesland zur Verfügung stehen oder aber bei entsprechend intensivem Bedarf vor Ort verbleiben, mit der Auflage, die Objekte zu pflegen und unkompliziert anderen Interessenten auszuleihen.
  1. Vernetzung: Durch den intensiven Diskussionsprozess vor Ort, zwischen den Gemeinden, Vereinen, Gruppen und Privatpersonen, aber auch im Miteinander mit den Kulturinstitutionen werden soziale, regionale oder institutionelle Grenzen aufgeweicht, man lernt sich besser kennen. Diese Vernetzung wird auch über den Abschluss der Förderung hinaus die Zusammenarbeit vor Ort wie im gesamten Kreis stärken.
  1. Weiterentwicklung: Im Gegenzug für die Bereicherung des kulturellen Angebotes und der Förderung entsprechender Infrastruktur vor Ort erklären sich Gemeinden bereit, als Experimentierfeld zur Verfügung zu stehen – das ist der Kern des Konzeptes „Kulturstern“: Professionelle Kulturschaffende bringen Ideen und Akteure in die ländliche Region, die dort bisher wenig präsent waren, und dürfen ausprobieren, was funktioniert, was ankommt, was wie wirkt; die Menschen vor Ort bringen ihre Vorstellungen, Ideen und Bedürfnisse ein. Bereits im Lauf der Förderperiode wird sich ein Lerneffekt einstellen, so dass jedes neue Förderjahr von den bereits gemachten Erfahrungen profitiert. Die Arbeit der Kulturinstitutionen wird sich nachhaltig verändern und sich neu auf die Bedürfnisse der Bevölkerung im ländlichen Umfeld ausrichten.